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Session Rückblick: Digital Agriculture

Grußwort: Michael Horsch

Passend zum Titel des Kongresses stellte Michael Horsch, Gründer und Geschäftsführer des gleichnamigen Landmaschinenherstellers, die Ernährung in den Mittelpunkt seines Grußwortes. Seiner Meinung nach sind wir auf dem Holzweg, da wir zwar älter werden, aber nicht gesünder. Das liege vor allem an unseren Ernährungsgewohnheiten. Wir würden zu viel Fleisch, Milch und Zucker essen. Eine mehr pflanzliche Ernährung würde in der Landwirtschaft zu vielfältigeren und nachhaltigeren Fruchtfolgen führen und gleichzeitig das Ernährungsproblem auf der Welt lösen.

Diskussion: Digital Agriculture – Hype vs. Reality

In der Session „Digital Agriculture – Hype vs. Reality“ diskutierten Georg Mayerhofer, Landwirt des Jahres 2017, Maximilian von Löbbecke von 365FarmNet, Dr. Martin Kunisch vom KTBL, Jonathan Bernwieser, Gründer und Geschäftsführer vom Start-up Agrando, und Michael Horsch über Nutzen, Probleme und Möglichkeiten der digitalen Landwirtschaft.

Dem großen Hype der letzten Jahre scheint eine gewisse Ernüchterung zu folgen. Die einfachen Antworten, die jeder erwartet, gibt es bisher einfach nicht. Insbesondere in den USA werden die digitalen Anwendungen aus dem Silicon Valley von den Farmern nicht so angenommen werden wie gedacht. Für von Löbbecke steht die Effizienzsteigerung beim Precision Farming im Vordergrund. Praktisch bedeutet das für ihn, dass der Landwirt statt aktuell 70 % Büroarbeit im Alltag wieder 70 % seiner Zeit im Stall oder auf dem Acker verbringt und nur noch 30 % am Schreibtisch.

Laut Dr. Kunisch sollte die Digitalisierung nicht nur eine effektivere, kostengünstigere Landwirtschaft ermöglichen, sondern sie auch qualitativ besser und nachhaltiger machen, und das müsse honoriert werden.

Landwirt Meyerhofer wünscht sich eine bessere Kompatibilität zwischen den verschiedenen Farmmanagement - und Agrarsoftware-Plattformen.

Auch für Bernwieser bedeutet Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft, dass die Landwirte ihre Zeit besser nutzen und nicht in uneffektive Zettelwirtschaft stecken. Dazu gehört, dass die Entscheidungen mit den richtigen digitalen Informationen untermauert und dass sich wiederholende Prozesse automatisiert werden. Kompatible Schnittstellen sind sehr wichtig, um aufwendige Copy&Paste-Aktionen zu vermeiden. Das Problem in der Landwirtschaft sind seiner Meinung nach fehlende Standards.

Was bringt Precision Farming?

Horsch hob hervor, dass die Digitalisierung in der Tierproduktion sehr wohl sehr viel gebracht hat. Beim Feldbau stimmte er von Löbbecke zu, dass Precision Farming wenig gebracht hat. Auf seinem Ackerbaubetrieb hat der Geschäftsführer schon vor 20 Jahren mit Precision Farming angefangen, zum Beispiel mit Ertragserfassung beim Dreschen und der digitalen Bodenbeprobung. Gebracht hat es seiner Meinung nach nichts. Sinn macht Digitalisierung, also das Erfassen und Speichern von Daten seiner Meinung nach aber bei der Dokumentation bzw. der Transparenz und der 100-prozentigen Rückverfolgbarkeit der landwirtschaftlichen Produktion. Darin sieht er die Zukunft.

Auf die Frage, wo Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung im Vergleich auch zu Amerika steht, antwortete von Löbbecke, dass die meisten Unternehmen, insbesondere Start-ups aktuell keinen Mehrwert generieren. Womit in Zukunft Mehrwert generiert werden könne bzw. welche Visionen es in diesem Bereich gebe, wollte eine Zuhörerin vom Podium wissen. Laut Horsch sind das Produkte, Geschäftsmodelle bzw. Anbauverfahren, mit denen sich der Landwirt abgrenzen kann und die vom Verbraucher nachgefragt werden wie zum Beispiel Ökolandbau oder regionale Erzeugung. In diesem Zusammenhang nannte er auch den neuen Begriff Hybridlandwirtschaft, eine Landwirtschaft, die die Vorteile der konventionellen und ökologischen Landwirtschaft in sich kombiniert.

Mayerhofer nannte ebenfalls die Hybridlandwirtschaft als Lösungsweg, betonte aber auch die wachsende Bedeutung regionaler Produkte, da die Konkurrenz im Massenmarkt durch große Unternehmen in Osteuropa zunehmen wird. Die Betriebe sollten sich breit aufstellen und vielfältige Fruchtfolgen fahren.

Laut von Löbbecke können massentaugliche digitale Anwendungen so manches Problem lösen: „Wenn der Landwirt eine Applikationskarte zum Säen, Düngen oder für Pflanzenschutzanwendungen mit vier Klicks in 20 Sekunden erstellen kann, dann ist der Mehrwert da.“

Problem Schnittstellen und Kompatibilität

Ein Landwirt aus dem Publikum brachte am Ende der Diskussion die Probleme auf den Punkt: „Das größte Problem in der Digitalisierung der Landwirtschaft sind die Schnittstellen. Wir haben zum Beispiel 16 Bundesländer und damit 16 verschiedene Systeme, um den Agrarantrag zu stellen. Das Regelwerk, nach dem die Landwirte Pflanzenschutzmittel ausbringen dürfen, ist nach wie vor nicht digitalisiert. Der Standard ISOBUS ist mittlerweile 20 Jahre alt, die meisten Maschinen werden immer noch ohne verkauft und neueste Maschinen aus den USA erfassen schon so viele Informationen pro Reihe, dass der ISOBUS sie nicht verarbeiten kann.

Eine Beraterin hatte das Gefühl, dass die Diskussion die Landwirte links überholt. Ihre landwirtschaftlichen Kunden haben teilweise gar keinen Computer, sondern nur Stift und Zettel. Mit ihrer Wortmeldung wollte sie darauf hinweisen, dass auf der Tagung nur über die eine Landwirtschaft gesprochen wird, es aber eine ganz vielfältige Agrarlandschaft gebe.