18. Januar 2021
International Congress Berlin
Farm & Food 4.0

20. April 2020

Bodengesundheit ist entscheidend für eine zukunftsfähige Landwirtschaft

Dr. Johannes Knubben, Hipp, über gesunde Böden und gesunde Lebensmittel

Klimatische Extreme und sinkende Bodenfruchtbarkeit rücken die Bodengesundheit in den Fokus der landwirtschaftlichen Praktiken. Ohne gesunden Boden keine gesunden Lebensmittel, da sind sich viele einig. Somit spielt die Bodengesundheit für Lebensmittelfirmen eine steigende Rolle. Dr. Johannes Knubben, Agrarmanager bei HiPP GmbH & Co., berichtet über die Herausforderungen eines Lebensmittelproduzenten im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit, Innovation und Qualitätsmanagement. Knubben ist Mitglied des Gremiums unseres Ideenwettbewerbs Bodenschmiede.

Farm & Food: Sie leiten heute das Agrarmanagement der Firma HiPP, dem weltweit größten Babynahrungsproduzenten auf dem Biomarkt. Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen wie HiPP heutzutage in der Beschaffung von Rohstoffen?

Dr. Johannes Knubben: Die besondere Herausforderung bei unserem Geschäftsmodell ist, dass wir zum einen Lebensmittel in Bio-Qualität produzieren und sich zum anderen unsere Produkte an Babys und Kleinkinder – also die Kleinsten unter uns – richten. Damit sind wir sowohl gebunden an die EU-Bio-Richtlinie als auch gleichzeitig an die Diät-Verordnung, die – auch im Hinblick auf Schadstoffgrenzen – die Zusammensetzung und Qualität von Lebensmitteln bis zum 3. Lebensjahr gesetzlich regelt. Diese beiden für uns verpflichtenden Verordnungen sind aber größtenteils nicht aufeinander abgestimmt bzw. stehen sogar teilweise im Widerspruch zueinander.

Ein Beispiel: aus Perspektive der Rohstoffqualitätssicherung wäre für die Herstellung von Bio-Babynahrung ein absolut steriler Acker wünschenswert, was aber der im Bio-Anbau so wichtigen Biodiversität völlig widerspricht. Rohstoffe sind Teil der Natur. Sie können nur so gut sein, wie die Umgebung, aus der sie stammen. Und in der Natur kommen unerwünschte Stoffe – eben natürlicherweise – vor. Wir befinden uns also jeden Tag im Spannungsfeld zwischen Lebensmittelsicherheit auf der einen Seite und gesundheitlichen sowie nachhaltigen Aspekten auf der anderen Seite.

Bekommen sie in ihrem Beruf die Auswirkungen von klimatischen Veränderungen zu spüren?

Klimatische Veränderungen haben natürlich Auswirkungen auf unser Geschäft. Es ist wichtig, sich auf Extreme vorzubereiten, die Risiken zu kennen, sie konkret zu identifizieren, zu quantifizieren und gemeinsam mit unseren Erzeugern Aspekte wie Wasserversorgung, Bodenvitaliät und kurz- bzw. langfristige Produktionsfähigkeit zu besprechen. Wir sind gerade dabei, Daten systematisch zu erfassen und aufzuarbeiten, um die gewonnen Informationen risikobasiert zu bewerten und unseren Erzeugern zurückzuspielen.

Zusammen mit anderen Lebensmittelverarbeitern und Vertretern der Finanzbranche arbeiten wir außerdem an einem True Cost Accounting-Projekt. Hier soll eine ergänzende Finanzberichterstattungsrichtlinie erarbeitet werden, die es Unternehmen erlaubt, die externen Kosten und Nutzen der Lebensmittelproduktion transparent zu machen. Über das Thema „True Cost“ wurde ja auch auf der diesjährigen Farm & Food 4.0 diskutiert. Zum einen sollen damit Verbraucher aufgeklärt, aber vor allem auch der Finanzmarkt informiert werden. Für die Stabilität des Finanzmarktes ist es von äußerster Wichtigkeit, den tatsächlichen Wert landwirtschaftlicher Produktion zu identifizieren und bei der Versicherung, Kreditvergabe oder Wirtschaftsprüfung zu berücksichtigen. Wir müssen es schaffen, aus den externen Kosten von heute das Risiko für die Zukunft zu modellieren und durch angemessenen, regenerative landwirtschaftliche Praktiken zu reduzieren.

In wie fern arbeitet ihre Abteilung mit den Landwirten zusammen und hat gegebenenfalls auch Einfluss auf ihre landwirtschaftlichen Methoden?

Zu unseren Erzeugern führen wir enge und langfristige Beziehungen. Mit einigen arbeiten wir schon in dritter Generation zusammen. Was Bio-Anbau und Rohstoffqualität betreffen, gehen die HiPP-eigenen Anforderungen in vielen Details über die EU-Bio-Richtlinien hinaus. Unsere Landwirte erzeugen also die besondere HiPP Bio-Qualität. Nicht jede biologisch erzeugte Karotte ist geeignet, um sie für unsere Babynahrung zu verwenden – da machen wir klare Vorgaben und haben eigene Qualitätsansprüche. Bei uns im Agrarmanagement arbeiten Anbauexperten in den Bereichen Getreide, Gemüse, Obst, Milch und Fleisch, die unsere Erzeuger sensibilisieren, beraten und von der Auswahl der Böden bis zur Ernte begleiten.

Gemeinsam werden Kontrollmechanismen entwickelt, um eine gleichbleibend hohe Rohstoffqualität sicherzustellen. Auf dem HiPP-eigenen Ehrensberger Hof entwickeln wir in Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Naturschutzverbänden praktische Maßnahmen, wie Nachhaltigkeit und der Schutz der Biologischen Vielfalt in den landwirtschaftlichen Alltag integriert und damit Verbesserungen erzielt werden können.

Welche Innovationen in der Landwirtschaft sind für sie besonders interessant? Wie wichtig ist die Bodengesundheit?

Hier sehe ich den Fokus ganz klar auf Bodengesundheit und Humusaufbau. Der Boden ist entscheidender Faktor für eine zukunftsfähige Landwirtschaft. CO2-Bindung ist heute schon kalkulatorisch möglich und wird für Landwirte als weitere Einnahmequelle interessant. CO2-Ausgleich für Landwirte setzt allerdings auch langfristige Partnerschaften und klare vertragliche Situationen voraus. Hier gibt es bisher kaum etablierte Geschäftsmodelle und es müssen noch viele Fragen geklärt werden, zum Beispiel: Was passiert, wenn die Ergebnisse nicht die gewünschten Erwartungen oder Kalkulationen erreichen?

Außerdem sehe ich Chancen im Vertical Farming. Hier hat der Erzeuger die Möglichkeit, termingenau auf Nachfrage zu produzieren. Es gibt kein Risiko der Verunreinigung und Umgebungsfaktoren können vernachlässigt werden. Gerade auch aus Perspektive der Lebensmittelqualität steckt hier großes Potential. Darüber hinaus können Nährstoffe und Temperatur bedarfsoptimiert zur Verfügung gestellt werden, was auch Aspekten der Nachhaltigkeit besonders entspricht.  

Wohin wird sich die Landwirtschaft in den nächsten Jahren entwickeln?

Zum einen wird sich Landwirtschaft diversifizieren: sie wird vielfältiger, ressourcenschonender und ökologisierter. Neben der eigentlichen Herstellung von Lebensmittelrohstoffen gewinnen auch agrarische Dienstleistungen an Bedeutung. Hier denke ich an Beiträge zu Ökosystementwicklung, Klimaschutz, aber auch an Landschaftsbild-Erhaltung, Erholung und Tourismus.

Zum anderen werden sich Landwirt und Verbraucher wieder annähern und schließlich wiederfinden müssen. Nur dann kann eine gemeinsame, nachhaltige Weiterentwicklung wirklich gelingen. Neue Plattformen und Digitalisierungstechnologien werden uns dabei helfen, Erzeuger und Verbraucher noch stärker zu vernetzen. Bereits bestehende Direktvermarktungen sind erste Schritte. Das wird sich noch weiter intensivieren. Irgendwann könnte es auch sein, dass der Endverbraucher den Rohstoff ab einem gewissen Verarbeitungsschritt übernimmt und selbständig veredelt.   

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