20. Januar 2020
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Farm & Food 4.0
Foto: Sabine Rübensaat

26. Juni 2019

Agtech-Start-Ups sind in Deutschland dünn gesät

Mangelnde staatliche Unterstützung begrenzt Wachstum von Start-Ups und Ideen

Von Laura von Ketteler*

Deutschland, das 2018 den vierten Platz für Investitionen in die Agrar- und Lebensmitteltechnologie belegte und 109 Millionen Dollar bei 21 Deals einbrachte, ist laut dem jüngsten Bericht von AgFunder und F&A Next besser bekannt für seine Erfolge im Bereich der Lebensmitteltechnologie als im Agtech-Bereich. Aber die Mitte Juni freigegebenen 100 Millionen Dollar für infarm rückten die deutsche Agtech-Industrie in den Fokus.

Der Anteil Europas am globalen Risikokapital für die Agrar- und Lebensmitteltechnologie ist gering. Aber mit zunehmendem Druck auf die Nahrungsmittelsysteme, immer nachhaltiger zu produzieren, verstärken die größeren Volkswirtschaften Europas ihre Bemühungen, eine unterstützende Start-Up-Szene zu entwickeln.

Deutschland, das 2018 den vierten Platz für Investitionen in die Agrar- und Lebensmitteltechnologie belegte und 109 Millionen Dollar bei 21 Deals einbrachte, ist laut dem jüngsten Bericht von AgFunder und F&A Next besser bekannt für seine Erfolge im Bereich der Lebensmitteltechnologie als im Agtech-Bereich.

Aber die Mitte Juni freigegebenen 100 Millionen Dollar für infarm rückten die deutsche Agtech-Industrie in den Fokus. Und während die Landwirtschaft noch weit davon entfernt ist, den wirtschaftlichen Beitrag der bekannten deutschen Industriezweige zu leisten, verfügt das Land immer noch über nicht unbedeutende 16 Millionen Hektar Ackerland mit 1,4 Prozent der Beschäftigten, rund 700.000 Menschen.

Das Land verfügt auch über eine bedeutende wissenschaftliche Stärke, um Start-Up-Innovationen zu entwickeln, die die Landwirtschaft effizienter, widerstandsfähiger und produktiver machen sollen. Deutschland baut auf seiner langen Geschichte in Forschung und Entwicklung auf und legt über seine akademischen Einrichtungen besonderen Wert auf technologische Innovationen. Die Humboldt-Universität zu Berlin, die TU München, die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf übernehmen die Führung beim Transfer der Forschung in das Unternehmertum. Insbesondere das Frauenhofer Institut, eine wissenschaftliche Einrichtung, hat sich zu einem starken Akteur im Bereich der Agtech-Innovation entwickelt.

Start-Ups müssen doppelt kreativ sein

Unter allen deutschen Start-Up-Sektoren weist agtech laut EY-Startbarometer den geringsten Anteil sowohl an der Anzahl der Start-Ups als auch an der Höhe der investierten Risikokapitalinvestitionen auf. Von den insgesamt 4,6 Milliarden Euro, die im vergangenen Jahr an Start-Up-Investitionen getätigt wurden, entfielen nur 29 Millionen Euro auf diesen Sektor.

Allerdings zielen Unternehmer auf die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette ab, befassen sich mit Rückverfolgbarkeit, Transparenz und unterstützen den Sektor bei der Entwicklung anspruchsvollerer Datenwerkzeuge und -ressourcen durch die Integration von Sensoren, Bildern, maschinellem Lernen und Klimainformationen. Mehr als 30 Prozent der Start-Ups konzentrieren sich auf pflanzliche Produkte und Verarbeitung, zehn Prozent auf landwirtschaftliche Techniken. Mit Agrando und Agra2b tragen zwei erfolgreiche Start-Ups dazu bei, den Agrarhandel zu digitalisieren. Und der zunehmende Druck auf die Branche, die Nachhaltigkeit zu verbessern, hat zu neuen biobasierten Produktunternehmen geführt.

Aufgrund des knappen Angebots an privatem Investitionskapital in der Agrar- und Lebensmitteltechnologie in Deutschland müssen Start-Ups kreativ darüber nachdenken, wohin sie sich wenden sollen, um Unterstützung zu bekommen.

SeedForward, ein niedersächsisches Start-Up-Unternehmen, das Biotechnologie-Ergänzungen entwickelt, startete mit 135.000 Euro Startkapital aus dem Exist-Programm der Regierung (siehe unten) und wurde in einen europäischen Accelerator für Start-Ups aufgenommen, der klimaorientierte Lösungen entwickelt, Climate-KIC. Anschließend absolvierte das Unternehmen das landwirtschaftlich orientierte Beschleunigerprogramm Seedhouse, das von den deutschen Unternehmen Grimme, Krone und Lemke unterstützt wird. Sie hat sich durch zwei Stiftungen finanziert, darunter die Aloys and Brigitte Coppenrath Foundation und den Impact-Investor DresInvest.

Foto: flickr/Aravindan Ganesan

Fokus auf die Kleinen

“Viele Start-Ups denken nicht daran, mit Stiftungen zu sprechen, aber für uns war dies eine sehr gute Möglichkeit, finanzielle Unterstützung zu erhalten, aber gleichzeitig unabhängig zu bleiben”, sagen die Gründer von SeedForward.

PEAT, ein in Berlin ansässiges Deep Learning Start-Up für Kleinbauern, wurde von dem aufgabenorientierten Venture-Investor Atlantic Labs, dem Bundesverband Deutsche Start-Ups und Index Ventures für seine App finanziert, die Pflanzenkrankheiten, Schädlingsbefall und Nährstoffmangel diagnostizieren kann. Simone Strey, die PEAT mitbegründet hat, sagt, dass die Finanzierungsquellen für Start-Ups, die sich auf Kleinbauern konzentrieren, knapp sind.

“In der Regel werden Investitionen in Innovationen getätigt, die sich an große industrialisierte Betriebe richten. Kleine Farmen werden oft ausgelassen, obwohl sie 70 Prozent der weltweiten Nahrungsmittel produzieren und Millionen von Menschen ihren Lebensunterhalt sichern”, sagt Strey. “Ich wünsche mir mehr Engagement bei der Unterstützung von Innovationen, die sich den Herausforderungen der globalen Kleinlandwirtschaft stellen.”

Mit Forschungseinrichtungen, die als frühes Fundament für Innovationen dienen, will die Bundesregierung die Infrastruktur für den Übergang von Ideen in Start-Ups verbessern. Ein Schwerpunkt liegt auf der Bereitstellung kritischer Frühphasenfinanzierungen. Mit dem Existenzgründungszuschuss werden beispielsweise Studierende, Absolventen und Wissenschaftler von Universitäten und Forschungseinrichtungen unterstützt, die ihre Ideen in Unternehmen umsetzen wollen.

Das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) bietet mit der Deutschen Innovationspartnerschaft Agrar (DIP) eine agrarspezifische Förderung an. Das Programm bietet Zuschüsse für Agtech-Start-Ups, die sich an den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung orientieren. Der erste Stipendiat von DIP war KUHdo aus Kiel, das den Milcherzeugern hilft, die Milchpreise zu sichern. Das BMEL fördert auch Unternehmen, die Technologien zur Digitalisierung von Feldversuchen erproben. “Wir wollen Precision Farming durch Digitalisierung fördern”, sagt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU).

Klöckner, die 2018 ihr Amt angetreten hat, hat öffentlich auf die Bedeutung der landwirtschaftlichen Innovation und die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Start-Ups, Investoren und Landwirten aufmerksam gemacht. Während der größte Teil der Mittel des Ministeriums nicht an Unternehmer, sondern an Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen fließt, sagen Akteure des Agrar- und Lebensmitteltechnologiesektors, dass sie von solchen bewussten Bemühungen zur Gründung von Innovationen profitieren.

“Als ich vor zehn Jahren mit diesem Geschäft begann, machte die Agtech-Start-Up-Szene ein Prozent aller deutschen Start-Ups aus. Heute sind es rund fünf Prozent”, sagt Rolf Nagel von Munich Venture Partners, einer generalistischen Venture-Capital-Gesellschaft, die zunehmend Chancen in der Agrar-Lebensmitteltechnik sieht und nutzt. Das Unternehmen hat Start-Ups wie Novihum Technologies, das sich auf die Bodenernährung konzentriert, und Prolupin, ein alternatives Proteinunternehmen, unterstützt.

Mangel an spezialisierten Investoren

Investoren mit einer Präferenz für kleine und industrielle Landwirtschaft zu finden, wäre ein Luxus in einem Markt, in dem es noch immer an spezialisierten Agtech-Investoren mangelt. “Es hat sich in den letzten zehn Jahren definitiv verbessert, aber immer noch sind viele Investoren skeptisch gegenüber Agtech-Innovationen, weil sie das Feld nicht wirklich verstehen”, sagt Novihums CEO Andre Moreira, dessen Unternehmen sich die Mittel von Munich Venture Partners gesichert hat.

Tatsächlich scheinen sowohl die deutsche Regierung als auch private Investoren im Vergleich zu den USA, Israel oder Australien risikoavers zu sein. Start-Ups, die in etablierten und berechenbareren Geschäftszweigen tätig sind, werden eher Kapital beschaffen als solche, die bahnbrechende neue Ideen einbringen. Moreira fügt hinzu, dass Start-Ups, die sich in Bereichen positionieren, die Investoren besser vertraut sind, wie Technologie, Digitalisierung und große Datenmengen, auch eher eine Finanzierung erhalten.

Munich Venture Partners zum Beispiel ist zunehmend an Agtech interessiert, sucht aber nach Unternehmen, die sich ihr mit großen Daten, autonomen Systemen, Drohnen und Robotik nähern und deren Ideen international skalierbar sind.

Lücken im Ökosystem

Ein Mangel an ökosystemarer Unterstützung, auch von Seiten der Politik, könnte erklären, warum der größte Teil des Investitionskapitals, das in den Agtech-Raum Deutschlands fließt, in frühe Finanzierungsrunden gegangen ist: Es gibt einfach nicht genug reife Unternehmen, um Kapital in der späteren Phase aufzunehmen. Der in Berlin ansässige Risikokapitalfonds Atlantic Labs ist eine der wenigen privaten Investmentgesellschaften, die sich mit dem Aufbau neuer Lebensmittel- und Agtech-Unternehmen und der Bereitstellung von Investitionskapital in der Pre-Seed-Phase befassen, in der Zuschussfinanzierungen am häufigsten sind. Das Unternehmen tut dies über seine Food Labs, die es vor drei Jahren gegründet hat.

“Lebensmittel beeinflussen das Mikrobiom des Menschen und damit seine Gesundheit. In einer Gesellschaft, in der Selbstvervollkommnung und Gesundheit im Mittelpunkt stehen, werden die Verbraucher besonders an Innovationen interessiert sein, die diese Aspekte berücksichtigen”, sagte Christophe Maire, CEO von Atlantic Labs, auf der DLD, einer Konferenz, die sich mit den Auswirkungen digitaler Technologien auf Lebensstil und Gemeinschaft im Jahr nach der Gründung von Food Labs beschäftigte.

Atlantic Labs wird von anerkannten familiengeführten Lebensmittel- und Getränkeunternehmen wie Dr. Oetker, der Bitburger Braugruppe und dem Ingredients-Unternehmen Döhler unterstützt. Diese Unternehmen haben besonderes Interesse an alternativen Proteinen und Zuckeraustauschstoffen bekundet.

Atlantic Food Labs gehört neben dem firmeneigenen Seedhouse zu den wenigen Agrifood-Tech Inkubatoren und Beschleunigern in Deutschland, die jedoch immer zahlreicher zu werden scheinen. Zur Landschaft gehören auch das Agro Innovation Lab, Schmiede.ONE und smartHectar.

Auch internationale Messen, Konferenzen und Wettbewerbe spielen eine immer wichtigere Rolle bei der Aufwertung von Agtech-Innovationen und Start-Ups. Der wichtigste ist der internationale Kongress Farm & Food 4.0, der 2016 initiiert wurde und jährlich in Berlin stattfindet. Die Veranstaltung bringt europäische Akteure aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammen, um über landwirtschaftliche Innovationen in den Bereichen digitale Transparenz, intelligente Landwirtschaft, Automatisierung und Nachhaltigkeit zu diskutieren. Im Mittelpunkt des Kongresses 2019 standen die Themen Ernährungssicherheit, neue digitale Prozesse entlang der Wertschöpfungskette und Big Data.

*Der Artikel ist zuerst bei AgFunder erschienen und wurde übersetzt aus dem Englischen von Farm & Food 4.0

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