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Laura Gertenbach @ Farm & Food 2020

20. Januar 2021

Gezüchtetes Fleisch statt Hofübernahme

Landwirtstochter Laura Gertenbach setzt auf neue Geschäftsmodelle

Unternehmerin Laura Gertenbach ist eine echte Pionierin, wenn es um die Vermarktung von Fleisch geht. Nachdem sie sechs Jahre in Barcelona BWL studierte, kehrte sie zurück aufs Land und wurde Unternehmerin für gezüchtetes Fleisch aus dem Labor. In einem Interview erzählt sie uns was Geschäftssinn in der Agrarbranche bedeutet und wie sie auf ihre Geschäftsmodelle kam.

Von Laura von Ketteler

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Du bist Tochter eines Landwirten und im ländlichen Raum aufgewachsen. Wie hat dich deine Kindheit geprägt?

Mein Vater ist Acker- und Milchviehbauer. Natürlich habe ich hier und da auf dem Betrieb mitgeholfen, allerdings war mir früh klar, dass ich nicht in die Landwirtschaft gehen wollte. Nachdem ich sechs Jahre in Barcelona BWL studiert hatte, zog es mich wieder zurück in die Heimat. Ich wollte mich eigentlich schon immer selbstständig machen. Die Verbindung meiner Ausbildung mit dem Wissen, dass ich aus der Landwirtschaft hatte, ließ sich schlussendlich gut kombinieren. Zuerst verkaufte ich Weihnachtsbäume online und dann gründete ich Oberlecker, eine Online-Vermarktungsplattform für Fleischprodukte. Dabei waren Regionalität, tierfreundliche Schlachtung und Freilandhaltung Voraussetzung für die Aufnahme ins Fleischsortiment. Für mich war es von dort aus eine logische Weiterentwicklung in die in-vitro Fleisch Forschung zu gehen.

Wie kam es zu der Gründung von Innocent Meat und welche Normen waren dir dabei besonders wichtig?

Ich habe zum einen meine ganz persönlichen Beweggründe gehabt in die nachhaltige Fleischproduktion einzusteigen. Ich kaufe ungerne Fleisch aus dem Supermarkt und bin gegen Schweinefleisch allergisch. Allerdings esse ich extrem gerne Fleisch. Globaler gedacht muss in Zukunft die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden. Gleichzeitig erkennen wir jetzt schon die extremen klimatischen und politischen Auswirkungen unserer Agrarwirtschaft. Es ist viel effizienter und umweltschonender Fleisch aus Zellen herzustellen. Man benötigt weniger Fläche, weniger Wasser und Energie, der Einsatz von Antibiotika fällt weg und es sterben weniger Tiere. Es gibt viele Menschen, die nicht auf Fleischersatz zurückgreifen wollen und sich nicht pflanzlich ernähren wollen. Diese Menschen brauchen eine Alternative, die genauso schmeckt und aussieht wie Fleisch, aber gleichzeitig umweltfreundlicher produziert ist. Wir müssen dennoch erreichen, dass der Preis für in-vitro Fleisch ein Ticken günstiger ist als für herkömmlich produzierte Produkte. Denn der Preis spielt nach wie vor bei den meisten Verbrauchern die größte Rolle.

Warum ist es wichtig, dass Landwirte über den klassischen Betrieb hinausdenken und auch Ernährungstrends berücksichtigen?

Mit Landwirtschaft ist es heutzutage einfach schwierig Geld zu verdienen. Wir stehen hier vor zahlreichen Problemen. Zum einen steigen die Preise für Land, Dünger und Betriebsmittel. Zum anderen gibt es Probleme mit der Nachfolge. Viele Erben verkaufen ihr Land lieber, als dass sie es verpachten. Preise, die mit dem Kauf erzielt werden, sind durch den normalen Betrieb schwer zu erwirtschaften. Ich bin davon überzeugt, dass man andere Wege gehen kann. Die Direktvermarktung bietet zum Beispiel ein vielversprechendes Konzept. Wenn die Erzeuger ihre Produkte wieder von A bis Z herstellen, können sie auch wieder mehr Geld verdienen.

Stichwort gezüchtetes Fleisch: Wie siehst du die Zukunft der heutigen Fleischproduzenten? Was sind ihre potentiellen Geschäftsmodelle?

Realistisch gesehen wird die Wertschöpfungskette nicht bei den Landwirten bleiben. Es gibt hier verschiedene Möglichkeiten. Landwirte können sich auf den pflanzlichen Trend einlassen und Produzenten von unter anderem Soja, Algen und Bohnen werden und sich dabei gleichzeitig um die Vermarktung kümmern. In diesem Fall müssten sie allerdings größer denken und beispielsweise mit dem Einzelhandel zusammenarbeiten. Oder sie investieren in Forschung und Entwicklung. Die dritte Möglichkeit wäre der Anbau von Pflanzen, die Nährstoffe für das Nährmedium von in-vitro Fleisch benötigen. Diese Pflanzen müssen allerdings genetisch verändert sein, weil tierische Wachstumsfaktoren (Sigbalproteine), die für die Steuerung von dem gesamten Zellablauf zuständig sind, nicht natürlich in Pflanzen vorkommen. Die Produktion und der Gewinn dieser Nährstoffe sind heute noch sehr teuer.

Woran hapert es in der deutschen Agrar-Gründerszene noch?

Wir stehen vor dem Problem, dass Deutschland nicht besonders innovativ ist und sich für vergangene Taten auf die Schulter klopft. Vieles wird finanziert, was in der Vergangenheit funktioniert hat, aber nicht was neu ist. Wir mögen zwar gut in Maschinenbau sein, aber in Sachen Digitalisierung hinken wir total hinterher. Was wir brauchen sind große und mutige Investitionen, wie es sie in Amerika gibt.

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