18. Januar 2021
International Congress Berlin
Farm & Food 4.0

21. Februar 2020

Biotechnologie: Wollen wir, was wir können?

Eine Nachlese der Debatte auf der Farm & Food 2020

Die einen sagen, neue Züchtungstechniken würden gebraucht, damit Landwirtschaft nachhaltiger wird – andere halten sie für überflüssig. Beim Zukunftskongress Farm & Food trafen Pro und Contra der Biotechnologie aufeinander.

Von Sarah Liebigt und Ralf Stephan, Bauernzeitung*

Dr. Peter Breunig, Dr. Julia Diekämper, Dr. Gunter Backes, Gerd Schonder und Dr. Markus Nießen diskutierten auf der Farm & Food 2020 zum Thema Biotechnologie: Unsere Art, Nahrungsmittel zu produzieren, muss nachhaltiger werden. Dies kann nur mit neuen Ansätzen gelingen, da die Umstände so noch nie dagewesen sind. Nur mit einem ganzen Set an Lösungsansätzen kann eine Neuausrichtung gelingen. Ein möglicher Ansatz ist die präzisere Züchtung mit Genome Editing. Ob diese neue Technologie zu mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft beitragen kann, hängt von einigen äußeren Faktoren ab: Für welche landwirtschaftliche Praxis wird sie verwendet? Wie sieht es mit der Akzeptanz bei Verbraucherinnen aus?

Pro: Züchtung wird schneller und flexibler

Dr. Markus Nießen: Der Vorteil der neuen molekularbiologischen Verfahren besteht darin, dass sie sehr effizient und präzise sind. Das Genome Editing kann helfen, den langen Prozess der Pflanzenzüchtung zu verkürzen. Bisher dauert es sechs bis acht Jahre, bevor Züchter Lösungen für die Probleme in der Landwirtschaft haben. Wir sparen aber nicht nur Zeit, sondern auch andere Ressourcen. In der klassischen Züchtung werden in der Regel über sieben Generationen aus 10.000 Pflanzen die gewünschten Merkmale selektiert. Mithilfe des Genome Editing genügen zwei Generationen und 20 bis 50 Pflanzen. Züchtung kann dank des Genome Editing also flexibler auf Herausforderungen reagieren, die sich aus den klimatischen oder auch politischen Einflüssen auf die Landwirtschaft ergeben. Überdies benötigen wir weniger Ressourcen in Form von Zeit, Material und Energie. Mit den neuen Verfahren können ualitative Merkmale von Pflanzen gezielter und schneller verbessert werden. Das betrifft bestimmte Resistenzen oder – mit Blick auf die Ansprüche von Verbrauchern – Inhaltstoffe wie die Zusammensetzung von Ölen.

Nicht zuletzt wird es leichter, Wildgene einzukreuzen. Wir kommen in die Lage, den vorhandenen Genpool schneller als bisher zu verbreitern. Die neuen Möglichkeiten ändern nichts an unseren Züchtungszielen. Pilz- und Virusresistenzen bleiben im Mittelpunkt. Sie tragen letztendlich dazu bei, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Trotz der neuen Chancen wird das Genome Editing nur eine Methode unter vielen bleiben. Sie erfordert zum einen noch viel Forschungsarbeit. Zum anderen können andere Methoden bei bestimmten Aufgaben nach wie vor sinnvoller sein. Es ist nicht die Rettung per se und wird auch nicht alle Probleme lösen.

Das Eröffnungsstatement von Dr. Markus Nießen zum Thema Biotechnologie können Sie hier nachsehen.

Contra: Risiken ähnlich wie bei Gentechnik

Gunter Backes: Selbst wenn man akzeptiert, dass sich CRISPR/Cas und andere molekulare Verfahren von der Klassischen Gentechnik unterscheiden – die Risiken sind ähnlich. Kommen sie zum Zuge, wird das ohenhin schon angegriffene Vertrauen der Verbraucher in die Lebensmittel- und Landwirtschaft noch weiter geschwächt. Man muss sich vor Augen halten, dass die Wirkmechanismen noch lange nicht durchschaut sind. Zu befürchten ist außerdem, dass die Sortensouveränität der Landwirte weiter eingeschränkt wird, weil die Produkte mit Patenten geschützt wären. Außer Frage steht jedoch, dass sich die Landwirtschaft ändern muss. Der Trend geht zu einer deutlich ökologischeren Landwirtschaft, die innovativ, intelligent und ressourcensparend arbeitet. Die Frage ist: Unterstützen die neuen Züchtungstechniken diese Ziele tatsächlich?

Es mag sein, dass bestimmte Resistenzen auch schneller in die Pflanzen gezüchtet werden können. Niemand weiß jedoch, wie lange sie halten. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Forschung nicht auf diese Sichtweise festlegt, denn es gibt viele Alternativen, vorhandene Gene neu zu kombinieren. Zahllose Wildgene sind noch ungenutzt. Die Lösung für die Landwirte kann nicht darin bestehen, eine gegen Insekten resistente Pflanze zu konstruieren, weil das bisher eingesetzte Insektizid seine Zulassung verloren hat. Vielmehr sind die Anbauverfahren so zu gestalten, dass unerwünschte Insekten keine Vermehrungsgrundlagen finden. Schon gar nicht kann Genome Editing die Lösung für die Anpassung an Klimaextreme liefern. Schließlich ist jedes Jahr anders. Ob es trocken wird oder nass, weiß man bei der Anbauplanung nicht. Schon das spricht dafür, statt auf noch ausgeprägtere Spezialisten eher auf Vielfaltssorten zu setzen.

Den Konferenzbeitrag von Gunter Backes können Sie hier nachsehen.

 

 

*Die Bauernzeitung ist Medienpartner von Farm & Food 4.0. Den vollständigen Artikel sowie weitere Berichterstattung zum Kongress finden Sie hier.

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