Farm & Food 4.0
International Congress Berlin
Farm & Food 4.0

01. Dezember 2017

Start-Up als Erfolgsgarant?

Dr. Christian von Boetticher über Faktoren zur richtigen Wahl für neue Investitionen

Dr. Christian von Boetticher ist stellvertretender Vorsitzender des BVE e.V. – Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Der Geschäftsführer des Lebensmittelherstellers Peter Kölln (Köllnflocken) setzt sich stark für die digitale Transformation in der mittelständisch geprägten Lebensmittelindustrie ein. Im Vorfeld der Farm & Food 2018 sprachen wir mit ihm u.a. über die Chancen, die sich aus der Zusammenarbeit mit Startups ergeben können.

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Farm & Food: Unsere Branche ist ja stark durch Familienunternehmen geprägt. Wie können diese Mittelständler ein “Digital Mindset” entwickeln, um der Digitalisierung gerecht zu werden?
Dr. Christian von Boetticher: Die Möglichkeiten der Digitalisierung gleichen ja einer Revolution. Der Nahrungsmittel-produzierende Mittelständler wird dadurch in die Lage versetzt, unmittelbar mit seinem Kunden und Konsumenten zu kommunizieren, aber auch dessen Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen zu erfahren.

Produzierende Unternehmen werden zu unmittelbaren Lösungsanbietern für den Bedarf der Menschen. Um zu analysieren, was das für das eigene Geschäftsmodell bedeutet, sollte man fachkundige Unterstützung besorgen – entweder als Stabsstelle ins eigene Haus, durch die Gründung einer Tochtergesellschaft oder in Form einer externen, dauerhaften Beratung.

Startups, aber auch digitale Großkonzerne wie Google setzen stark auf eine Fehlerkultur. Wie wichtig ist unternehmerischer Mut auf allen Hierarchie-Ebenen, um heutzutage erfolgreich zu sein?
Ich denke sehr wichtig. Mittelständische Familienbetriebe sind meist streng hierarchisch aufgestellt. Da entscheidet der Chef auch gern mal die Details. Wenn Sie heute die Geschäftsleitung in einem größeren Unternehmen sehen, dann gibt es meist klar zugewiesene Aufgabenfelder, unter denen sich dann die gesamte Belegschaft organisiert.

Bei Ranghöheren werden regelmäßig Entscheidungen der unteren Ebene korrigiert, wenn oben Fehler befürchtet werden. Jetzt kommt aber die Veränderung von Prozessen, technische Neuerungen, aber auch veränderte kommunikative Möglichkeiten durch die Digitalisierung, die so schnell vonstatten gehen, dass es einfach anderer Organisationsstrukturen bedarf. Es wird mehr interdisziplinäre Teams geben müssen, die auch selbstständig Entscheidungen treffen können.

Gesteuert wird in Zukunft überwiegend über Jahres- und Monatsziele und Kontrollberichte, aber die untere Ebene braucht mehr Freiraum für die Art und Weise der Zielerreichung. Dabei werden auch Fehler gemacht werden, aber diese Fehler sind akzeptabel, weil sie am Ende der Verbesserung des Systems dienen.

Können mittelständische Unternehmen Digitalkompetenz aufbauen, indem sie in Startups investieren? Welche Rahmenbedingungen müssen dabei berücksichtigt werden?
Ich denke, das müssen sie sogar. Die Strukturen in mittelständigen Unternehmen der Ernährungsindustrie werden sich nicht einfach über Nacht den veränderten Anforderungen der Digitalisierung anpassen können. Für die Erschließung neuer Geschäftsmodelle ist es daher absolut sinnvoll, zumindest AUCH in Startups zu investieren, die im eigenen Geschäftsbereich tätig sind. Dafür muss auch Wagniskapital bereitgestellt werden.

Das ist eine Art der Investition, die dem nüchtern und konservativ kalkulierenden Mittelständler bisher überwiegend fremd ist. Das erfolglose Abschreiben eines Teils der Investition liegt für den Mittelständler bisher nicht in der Natur der Sache, aber diese Denke wird sich stärker durchsetzen müssen.

Es braucht mehrere Investitionen in verschiedene Startups. Man muss sich daran gewöhnen, dass sich nicht alle durchsetzen werden. Am Ende kann ich mit einem erfolgreich am Markt agierenden Startup den Durchbruch erringen. Wagniskapital ist ein wichtiges Stichwort.

Warum ist die Konferenz Farm & Food so wichtig und was erwarten Sie von Ihrer Teilnahme?
Farm&Food greift das Thema der Digitalisierung für den Lebensmittelmarkt auf – in einer Branche, in der dieses Thema noch nicht wirklich angekommen ist. Das liegt vielleicht auch daran, dass immer noch unter 2% der Umsätze durch den Online-Handel erfolgen, was bei vielen Unternehmen dazu führt, dass man sich immer noch in der analogen Welt gut aufgehoben fühlt. Diese Sicht der Dinge täuscht.

Darum ist es heute extrem wichtig, über Chancen und Risiken in der Branche zu diskutieren und sich anzusehen, was es an Best Practice gibt. Vernetzung, Dialog, Erfahrungsaustausch, Wissenserweiterung zum Thema Digitalisierung – das sind Dinge, die absolut notwendig sind, und die ich mir von der Farm&Food 4.0 erhoffe.

Was ist die größte Herausforderung, der sich Unternehmer heute angesichts der zunehmenden Digitalisierung stellen müssen?
Das ist für mich definitiv das Change Management: die Veränderung von Prozessen und Strukturen im eigenen Unternehmen, um die Chancen der Digitalisierung ergreifen zu können.

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